Persisch inspiriertes Steinrelief mit Figuren, Flügelmotiv und goldenen mechanischen Elementen

Abdolreza Azhdari

Texte und Stimmen zwischen Psychoanalyse und Iran.

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Der Vers und der eigene Satz

Manchmal begleitet ein einziger Vers einen Menschen durch sein Leben. Man hat ihn als Kind gehört, lange bevor man ihn verstand, aus dem Mund eines Vaters, einer Großmutter, im Tonfall eines Gebets oder einer Warnung. Jahrzehnte später, in einer Nacht der Trauer oder in einem Augenblick unerwarteter Nähe, kehrt er zurück, und er sagt jetzt etwas, das er damals noch nicht sagen konnte. Wir kennen das. Wir kommen aus einer Kultur, in der die Dichter am Tisch sitzen, in der ein Halbvers ein Gespräch beenden kann und ein Ghasel manches trägt, was sonst niemand zu tragen bereit ist.

Ich möchte diese Liebe nicht kleiner machen. Aber ich möchte sie fragen. Denn ein Volk, das so gut zitieren kann, hat auch gelernt, sich hinter dem Zitat zu verbergen. Der schöne, fertige Vers erspart uns manchmal den eigenen, unfertigen Satz. Er sagt für uns, was wir fühlen sollten, und er sagt es so vollkommen, dass die Frage, was wir tatsächlich fühlen, gar nicht mehr gestellt wird. Über Jahrhunderte war das eine Klugheit. Wo das offene Wort gefährlich war, wurde die Anspielung zur Kunst, die Mehrdeutigkeit zum Schutz, die Dichtung zu einem Haus mit vielen Hinterausgängen. Wir haben in diesem Haus überlebt. Doch was uns geschützt hat, hat uns auch geformt. Wer immer in geliehenen Worten spricht, weiß am Ende nicht mehr genau, wessen Stimme aus ihm redet.

Genau hier beginnt, was mich als Psychoanalytiker beschäftigt. Wir tragen mehr in uns, als wir selbst gesagt haben: die Stimmen der Eltern, die Geschichten, die man uns erzählt hat, und die Geschichten, die man uns verschwiegen hat, die Hoffnungen und Kränkungen der Menschen vor uns. Vieles davon lenkt unsere Schritte, ohne je ausgesprochen worden zu sein. Es wird weitergegeben wie ein Vers, den man auswendig kann, ohne zu wissen, von wem er stammt. Und so wie der Vers eines Tages plötzlich verständlich wird, kann auch dieses Erbe eines Tages hörbar werden – in einem Zögern, in einer Scham, die zu groß ist für den Anlass, in einer Zustimmung, die man gibt, während etwas in einem innehält.

Dieses Innehalten ist der Ort, um den es auf dieser Seite geht. Die Texte und Gespräche, die hier versammelt sind, sind Versuche, Zusammenhängen eine Gestalt zu geben, die ich in vielen Jahren mit Menschen und mit meiner eigenen Geschichte erkannt zu haben glaube. Sie sind nicht als Antworten geschrieben. Ein Gedanke, der einem Leser die Arbeit des Denkens abnimmt, ist nur ein weiterer schöner Vers. Ich möchte lieber, dass Sie an einer Stelle stocken. Dass Sie etwas wiedererkennen und ihm misstrauen. Dass Sie widersprechen, und zwar so, dass Sie dabei zum ersten Mal hören, was Sie selbst denken.

Unsere Dichter haben uns eine Sprache hinterlassen, die Jahrhunderte überdauert. Was noch aussteht, ist etwas Kleineres und Schwereres: dem eigenen Leben einen aufrichtigen Satz zu geben, der nicht schon vorher da war. Der Vers hat uns bis hierher gebracht. Von hier an müssen wir, jeder für sich und doch nicht allein, selbst weitersprechen.