Essays
Die Psychoanalyse hat im vergangenen Jahrhundert mehr verändert als die Behandlung seelischen Leidens. Sie hat eine Art zu sehen in die Welt gebracht: die Annahme, dass hinter dem, was Menschen sagen, tun und glauben, etwas wirkt, das sie selbst nicht kennen, und dass es sich lohnt, es kennenzulernen. Aus dieser Annahme wurden Literatur, Film, Erziehung und Gesellschaftskritik andere. Sie ist, wie Auden über Freud schrieb, zu einem Klima geworden, in dem wir denken, oft ohne es zu wissen.
Diese Seite steht in dieser Tradition. Die Texte, Gespräche und Bücher, die hier versammelt sind, versuchen, psychoanalytisch auf Phänomene zu blicken, die sonst als selbstverständlich gelten: auf Familie und Autorität, auf Scham und Schuld, auf das, was sich von einer Generation an die nächste weitergibt, auf Iran und auf das Leben zwischen Sprachen. Nicht um vorzuschreiben, was jemand zu fühlen hat, sondern um Raum zu schaffen für das, was bislang nicht gedacht werden durfte.
Denn das ist der eigentliche Anspruch der Psychoanalyse, und er ist unbequem geblieben: nichts für gegeben zu nehmen, auch die eigenen Gewissheiten nicht; den Zweifel nicht als Schwäche zu behandeln, sondern als Anfang; und sich zu erlauben, frei zu denken, gerade dort, wo Gehorsam leichter wäre. Bewusstwerdung ist kein Zustand, sondern eine Bewegung. Wer hier liest oder hört, ist eingeladen, sie mitzugehen, und zu widersprechen.
















